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Thrakien

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Thrazien

 

Die Grenzen Thraziens sind im Norden von der Gebirgskette des Aimos und im Osten vom Schwarzen Meer und den Meeresengen des Bosporus begrenzt. Im Süden grenzt es nacheinander folgend an dem Propontos mit Prokonisos, den Prinkiponisia und anderen kleineren Inseln, darauf folgt der Hellesponti und schließlich das Thrazische Meer und die Ägäis mit den Inseln Limnos, Imbros, Tenedos und Samothraki. Im Westen grenzt es an Mazedonien. So wird ein riesiges Gebiet beschrieben mit unterschiedlichen Landschafts­formen, aber auch mit einer Vielzahl an Sitten der Einwohner. Es gibt große städtische Zentren wie Konstantinopel - in seiner Blütezeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts zählte sie 400.000 griechische Einwohner, Adrianopolis, Philippoupolis, Odessa (Varna), Alexandropolis und viele andere Städte, in denen die Einwohner meistens Kaufleute oder Handwerker sind. In diesen Gesellschaften herrscht ein städtisches Bewusstsein. Aber in kleineren Städten und den Dörfern fehlte der Bezug zum Land nicht und dort bewahrten sich die Sitten und Bräuche in ihrer archetypischen Form.

Auf diese Volkskultur basierend können wir einige kleine Unterschiede in Musik, Sprache, Kleidung - allgemein den Bräuchen von Thrazien erkennen, die uns jedoch nicht erlauben die thrazische Kultur in eine östliche, westliche und nördliche zu unterteilen. Eher können wir Thrazien einteilen in Küstenregionen, in denen Lieder und Tänze üblich sind, die wir auch in anderen Häfen außerhalb Thraziens finden, in Bergregionen, in denen poetische (pastorale) Lieder gesungen werden und in Flachland-Regionen, in denen bäuerliche Lieder und Tänze überwiegen. Sicherlich müssen wir davon ausgehen, dass die Lieder jeder Region auch von anderen Völkern beeinflusst wurden und diese oft die gleichen Probleme mit den Griechen teilten. Aber dieser Einfluss war sehr gering, denn obwohl in einer Region Griechen, Türken, Pomacken, Bulgarer, Zigeuner u.a. lebten, gab es sehr selten Dörfer mit verschiedenen Ethnien, zumindest was die ersten vier Volksgruppen betrifft. In jedem Dorf lebte eine Bevölkerungsgruppe oder mindestens in verschiedenen Stadtteilen und die Beziehungen der ethnischen Gruppen untereinander blieben hauptsächlich auf den Handel beschränkt. Selten feierten sie zusammen. Überdies hatten sie keine gemeinsame Sprache oder Religion oder Feiertage. Und noch seltener gab es Mischehen. In den wenigen Fällen, in denen Cupido aus Versehen seinen Pfeil in die Herzen Andersgläubiger schoss, traf die Liebenden ein solcher öffentlicher Aufschrei, dass sie in die Geschichte durch Volkslieder dieser Zeit eingingen.

Im Gegensatz dazu entfernte sich in den Großstädten jede Volksgruppe von ihren überlieferten Bräuchen, denn obwohl es auch dort getrennte Wohnviertel gab, entwickelte sich das städtische Bewusstsein, verbunden mit der Ausweitung der sozioökonomischen Beziehungen, dem gleichzeitigen interkulturellen Wettbewerb und der Nachahmung. Neue Elemente tauchten auf, viele von ihnen waren allen Volksgruppen fremd, da sie aus Westeuropa kamen. So ließ die Mode der Epoche viele Kinder von Türken und Bulgaren, aber sehr viel mehr von Griechen Unterricht im Klavierspiel und Französisch nehmen. Die Griechen waren immer die wirtschaftlich erfolgreichsten und unterhielten auch die engste Beziehung zu Westeuropa. Von den städtischen Zentren breitete sich diese kulturelle Mischung auch auf ländliche Gegenden aus, in denen die einfache Bevölkerung von dieser nur das auswählte, was ihnen gefiel und ihnen passend erschien. So finden wir einige Lieder, die in den Städten Mode waren und dann wieder vergessen wurden, aber in die Traditionen eines Dorfes eingegliedert wurden, so dass es Jahrzehnte später z. B. als Hochzeitslied angetroffen wird.

Zur Ausbreitung eines musikalischen Stils mit gemeinsamen Merkmalen trugen auch die umherziehenden Musiker bei, die zu einer der drei größten Volksgruppen gehörten oder Zigeuner waren (in den wenigsten Fällen vergleichbar mit dem übrigen Griechenland??). Diese Musiker spielten auf Festen ihrer Volksgruppen, aber auch auf denen der anderen Volksgruppen, wenn es keine anderen Musiker gab. Sie wussten genau welche Lieder und Tänze sie jedes Mal spielen durften, aber entweder weil diese gewünscht wurden, oder nur wegen der Vielfältigkeit spielten sie auch die Tänze der anderen Volksgruppen. So zogen langsam aber unvermeidlich in die griechische Volksterminologie Tänze mit Namen wie der Baiduska ein. Wir wissen nicht mehr unter welchem Namen der Baiduska im Mittelalter von den Griechen getanzt wurde, aber es ist sicher, dass er Teil der griechischen Tradition ist, da es im selben Rhythmus Weihnachtslieder (Kalanda) und andere Lieder gibt, die aus dem 5. Jahrhundert stammen. Etwas ähnliches passierte mit dem Namen Sestos für den schnellen Zonaradhikos (Gürteltanz), der früher unter den Namen Issios, Trellos (verrückt) oder Duskos getanzt wurde. Das gleiche gilt auch für Mazedonien.

Die ältesten Lieder Thraziens sind wie in allen griechischsprechenden Regionen die Akritischen Lieder (9. bis 13. Jahrhundert). Zu ihnen werden die Paralogien (Fantastischen Volksliedern), die meisten der Charonischen Lieder (des Todes) und auch historische Lieder von Ereignissen und Personen aus der Zeit vor dem Fall Konstantinopels (1453) gezählt. Die geringe Anzahl von Freischärlern in der Zeit vor der griechischen Revolution 1821 ließ die sogenannten Kleftika nicht bekannt werden. Es ist aber falsch zu sagen, dass es keine thrazischen Kleftika gibt, da einige Variationen von Kleftika aus Mazedonien und dem übrigen Griechenland dokumentiert sind. Aber auch die wenigen vorrevolutionären Helden der weiten Region Thraziens wie Michalbeis, Herrscher von Vlachia, Jannis Balkaniotis, Domna Visvisi, Hauptmann Vangelis, Lefteris u.a. haben ihre eigenen lokalen Lieder. Es existieren auch genügend langsame historische Lieder in freier erzählender Form.

In allen Regionen Thraziens gibt es in Überfluss die Lieder für Tänze, die sehr zahlreich sind. Neben dem in Thrazien hervorzuhebenden Zonaradhikos im 6/8-Takt (3+3), gibt es den Mantilatos im 7/8-Takt (2+2+3), den Sinkathistos in Kreis- oder freier Form im 9/8-Takt (4+2+3), den Antikristos oder Karsilamas meistens im 9/8-Takt (2+2+2+3) und seltener im langsameren 7/8-Takt (3+2+2), den Baiduska oder Tripato im 5/8-Takt (2+3), den Kassapikos im 2/4-Takt, den Tapeino (oder Hochzeitstanz) im ¾-Takt wie auch den Sirtos, Kalamatianos, Ballos, die in ganz Griechenland getanzt werden. Aber es gibt auch unbekanntere Tänze wie der Protopsoma, der Kuseftos (oder Läufer), der Laisios (Tanz, bei dem ein Hase imitiert wird), der Xesirtos, der Gigna, der Troiro (Nordthrazien), der Marantoi (oder Ostertanz), der Divitsidhikos (der Kameltreiber?), der Palästras (Ringkämpfertanz), der Agitikos der Anastenarhdwn.

 

Die traditionellen Instrumente Thraziens sind die thrazische Lyra, die Hirtenflöte, die Gaida (Dudelsack) und das Dauli (Trommel). Städtische Instrumente wie die Kanonaki, die Oud, und die Konstantinopler Lyra können auch als thrazische angesehen werden, da sie zuerst in Konstantinopel benutzt wurden. Neben diesen wurden auch die Instrumente für die Kunstmusik der Meister Konstantinopels gespielt wie die Lafta (Flöte aus Konstantinopels), der Tambur, die Ney (Rohrflöte), aber sie wurden nicht in die Volksmusik aufgenommen. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts werden die Küsten Thraziens von den Duos beherrscht, die aus Violine und Laute bestehen, manchmal zusätzlich die Santuri. Sehr viel später drang die Klarinette in die Tradition Thraziens ein, und heute sind wir gewohnt, thrazische Musik von einem Orchester aus Klarinette, Violine, Laute, Oud, Kanonaki und Tumbeleki (vasenförmige Trommel) zu hören. Manchmal ersetzt die Konstantinopler Lyra die Violine, während für die inseltypischen Tanzlieder der Küste statt der Kanonaki die Santuri benutzt wird. Viel später ersetzte wiederum die Hirtenflöte (oder die Kavali) die Klarinette oder begleitete sie. Leider sind die Innovationen soweit fortgeschritten, dass in unerlaubter Weise Neuerungen wie das Akkordeon und andere Tasteninstrumente benutzt werden. Eine andere Plage nicht nur der thrazischen Tradition sind die „Neuen Volkslieder“ mit qualitätsmäßig schlechter Lyrik und einer Musik, die lächerlich ist im Vergleich zu den vorzüglichen echten Liedern, die uns die unsterbliche Volksmuse hinterließ.